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9. Februar 2022

Was sagt uns die Charttechnik über die Marktverfassung?

Börsianer können in der Tat auch mit einer eher schlechten Nachrichtenlage umgehen, sofern sie klar ist und Tendenzen der Besserung absehbar sind. Was wir gar nicht mögen, ist eine unklare Nachrichtenkonstellation, deren Auflösung kaum seriös zu prognostizieren ist. Genau in einer solchen Situation befinden wir uns derzeit. Das spiegelt sich besonders eindrücklich im deutschen Leitindex DAX wider. Das Barometer pendelt orientierungslos unterhalb seiner letzten Rekordhöhen. Es schafft keine neuen Rekorde, knickt allerdings auch nicht klar nach unten weg, wodurch ein neuer Kaufmarkt entstünde.

Was sind die zentralen Ungewissheiten, was sind die zentralen Fragen, die sich die Investoren momentan stellen?

  1. Wie intensiv fällt die Zinswende in den USA aus?
  2. Kommt die Zinswende ebenfalls nach Europa und wenn ja, wann?
  3. Wie stark werden die gestiegenen Marktzinsen die Unternehmensgewinne zusammendrücken?
  4. Wie stark wird sich ein höherer Zins auf das Bewertungsniveau des Aktienmarktes auswirken? Wann schichten Investoren wieder zuungunsten der Aktien in den Anleihenmarkt um?

Eine Zwischenbemerkung: McDonald‘s hat in den letzten Jahren – Ausnahme: Pandemiejahr 2020 – jeweils eigene Aktien an der Börse im Wert von rund 15 Milliarden USD zurückgekauft und damit für eine stetige Nachfrage nach der eigenen Aktie gesorgt. Daneben hat man auch noch großzügig Dividenden ausgekehrt. Dieses „Gewinnprogramm“ hat gemessen am Volumen allerdings immer den jährlichen Konzerngewinn überschritten.

Konkret: McDonald‘s hat den Aktienrückkauf und die ausgeschütteten Dividenden durch Fremdkapital finanziert. Wenn der Zins allerdings weiter steigt, kommt das Unternehmen an einen Punkt, an dem sich solche Maßnahmen betriebswirtschaftlich nicht mehr rechnen. McDonald‘s ist hier nur ein Beispiel für sehr viele andere US-Unternehmen. An diesem Beispiel wird sofort offensichtlich, dass der Zins sich unmittelbar auf das Bewertungsniveau des Aktienmarktes auswirkt.

Was sind die wichtigen Haltelinien in den Indizes?

Zurück zu meinem kleinen Fragenkatalog. Selbst die US-Notenbank Federal Reserve oder die EZB in Frankfurt wissen nicht, welche Maßnahmen sie in – sagen wir – 6 Monaten ergreifen werden. Aus dieser Ungewissheit kann uns niemand heraushelfen. Ich könnte nun seitenweise Spekulationen anstellen über die Entwicklung der Inflation bzw. der Zinsen. Anschließend könnte ich verschiedene Zins-Szenarien entwerfen und behaupten, wenn der US-Leitzins bei 2 % steht, dann passiert das und das. Das ist brotlose Kunst, die Ihnen nicht weiterhilft. Jetzt brauchen wir emotionslose Charttechnik. Nur das hilft uns jetzt.

S&P 500: Haben Sie hier die Marke von 4.300 Zählern im Blick!

Der US-Leitindex (und für mich auch der geheime Leitindex des Gesamtmarktes) hat zuletzt seinen seit 2020 aktiven Aufwärtstrend (blau) nach unten verlassen. Diese Aussage ist unbedingt zulässig: Die Hausse des US-Aktienmarktes pausiert also. Bei rund 4.300 Punkten hat der Index nun eine erste untere Haltelinie (grün) ausgebildet. Solange diese Unterstützung hält, sind wir auf der sicheren Seite. Andernfalls wird in US-lastigen Depots eine Absicherung fällig.

NASDAQ 100 als Frühindikator: Hier zählen die 14.000

Der NASDAQ 100 ist ohne Frage der dynamischste Leitindex. Dabei übernimmt er oft die Aufgabe eines Frühindikators. Zu Deutsch: Geht der NASDAQ 100 in die Baisse, folgen in der Praxis sehr oft die Standardindizes wie der Dow Jones oder S&P 500. Aktuell bildet der NASDAQ 100 eine Haltlinie (grün) bei rund 14.000 Punkten aus. Diese Linie schützt den Index vor dem Eintritt in einen Bärenmarkt.

Hält die Linie bei 14.000 nicht, werden entsprechende Maßnahmen der Absicherung fällig. Vorteilhaft für Bestandsinvestoren wirkt hier in jedem Fall, dass der Index bei knapp über 12.000 Punkten ebenfalls auf eine untere Unterstützung trifft. In diesem Szenario hätten sich US-Wachstumsaktien im Schnitt um rund 25 % ermäßigt. An diesem Punkt darf man dann erste Rückkäufe etablierter Geschäftsmodelle aus dem NASDAQ-Segment einplanen.

DAX: Die 15.000 müssen stehen

Der DAX 40 läuft bereits seit dem ersten Quartal 2021 im Prinzip seitwärts. Dabei hat er sich immer über der Marke von 15.000 bewegt. Hier hat der Index eine recht starke untere Unterstützung (grün) ausgebildet. Das ist zunächst eine positive Nachricht für uns. Im Umkehrschluss bedeutet es allerdings, wenn diese Marke offensichtlich unterboten wird, sind weitere Rücksetzer unvermeidbar. Seine Stärke: Der Index verfügt bei rund 13.750 Punkten über eine weitere Unterstützung (blau).

Die Ausbildung dieser Unterstützung können Sie in dieser Darstellung (2-Jahres-Chart) nicht erkennen. In den Jahren 2018 und 2020 bildete sich diese Marke in Form zweier Rekordhochs aus, die der Index zunächst monatelang nicht knacken konnte. Hier lag also der Deckel auf dem Index. Dieser Deckel wird sich sehr wahrscheinlich in eine Unterstützung verwandeln und den DAX auffangen.

Das ist nicht gut: Das Verkaufssignal ist nah, das Kaufsignal hingegen fern

Mein Fazit: Derzeit befinden wir uns noch nicht in einem offensichtlichen Bärenmarkt. Zwar sind die Aufwärtstrends durch die Bank gestört und damit erst einmal nicht mehr wirksam. Ein Problem sehe ich freilich: Die unteren Haltelinien sind relativ nah und können praktisch jeden Tag erreicht und vielleicht sogar gerissen werden. Anders formuliert: Denkbare Verkaufssignale sind ziemlich nah.

So muss der NASDAQ 100 nur um rund 3,5 % fallen und befindet sich dann schon in einer verzwickten Lage. Umgekehrt: Steigt der Index um 13 %, hat er zunächst nur sein altes Rekordhoch zurückgeholt, aber eben noch kein Kaufsignal hervorgebracht. Im Grundsatz gilt: Erst wenn wir in zeitlich engen Abständen bei allen drei hier besprochenen Indizes neue Rekordhochs sehen, wird – technisch betrachtet – die nächste Hausse eingeleitet.

Sie tun also gut daran, weiter eher defensiv zu agieren. Auch ein Nachkauf etwa der Zur Rose-Aktie ist im gegenwärtigen Marktumfeld noch nicht sinnvoll. Stattdessen gilt: Pulver trocken halten und beobachten, wie sich z. B. die Zinsen in den nächsten Wochen entwickeln werden. Den Einsatz eines oder mehrerer Instrumente zur Absicherung halte ich mir als Option weiterhin offen.

Ein Ausblick: Ungeachtet meines vorsichtigen Vorgehens arbeite ich gegenwärtig an einer Neuempfehlung für das konservative Dividendendepot. Im Recherchetopf sind unter anderem das US-Unternehmen Royalty Pharma, dessen Geschäftsmodell entfernt demjenigen der BB Biotech ähnelt.

Ferner interessiert mich die Aktie der Swiss Re. Hintergrund dieser Idee: Swiss Re ist das Gleiche wie Münchener Rück, nur in Rot-Weiß. Und die Aktie der Münchener Rück hat den DAX in den letzten 6 Monaten um über 10 % geschlagen. Diese Besserentwicklung ist kein Zufall. Denn die Versicherer sind als große Kapitalsammelstellen klarer Profiteur steigender Marktzinsen. Das ist im gegenwärtigen Marktumfeld sicherlich kein schlechtes Kaufargument für die Aktien der Assekuranz-Branche.