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4. August 2021

China-Crash: Peking vernichtet 1 Billion Dollar – Jetzt wieder kaufen?

Man hatte dem Unternehmen bereits vorab nachdrücklich empfohlen, von seinem Börsengang in New York abzusehen. Das Management der Didi Global hat sich über diese Empfehlung der chinesischen Aufsichtsbehörden hinweggesetzt. Anschließend schlugen die Behörden im Reich der Mitte gnadenlos zu. So musste der Mobilitätsdienstleister und Lieferdienst seine mobilen Anwendungen in den diversen App-Stores abschalten. Anschließend rückten die Steuerfahnder in der Didi-Zentrale in Peking ein und beschlagnahmten Rechner und Festplatten.

In New York halbierte sich unterdessen der Kurs des Börsenneulings, und die US-Investoren strengen nun Sammelklagen gegen das chinesische Internetunternehmen an. Wenn man ein Unternehmen von allen Seiten foltern will – so geht es.

Bereits zuvor hatte sich die allmächtige „Cyberspace Administration of China“ (Internet-Aufsicht) den Online-Giganten Alibaba zur Brust genommen. Hier untersagte man den Börsengang der Tochter Ant Financial. Auf diese Weise büßte der Zahlungsdienstleister rund 150 Milliarden USD seines ursprünglichen Marktwertes ein. Anschließend setzte es eine Geldstrafe für den Mutterkonzern in Höhe von 2,8 Milliarden USD. Begründung: Alibaba habe seine marktbeherrschende Position unrechtmäßig ausgebeutet.

Washington schießt ebenfalls scharf gegen die Unternehmen

Die Gemengelage ist hochgradig unübersichtlich und komplex. Zumal Washington bzw. die US-Börsenaufsicht SEC derzeit 250 chinesische Unternehmen mit einem Delisting, also mit einer Streichung der Notiz vom US-Kurszettel, bedroht. Zu diesen 250 Unternehmen gehört die Crème der chinesischen Internet-Wirtschaft wie etwa Baidu, Alibaba oder JD.com.  

Die rechtliche Basis dieser angedrohten Maßnahme bildet das sog. „Holding Foreign Companies Accountable Act“. Danach müssen Ende 2022 alle ausländischen Unternehmen die NYSE- oder NASDAQ-Börse verlassen, sofern sie bis dahin nicht nach amerikanischen Standards transparent bilanzieren und entsprechend berichten. Die Folgen: Der Zugang der Unternehmen zu den tiefen Taschen der US-Investoren wird zumindest massiv eingeschränkt. Gleichzeitig wird die Nachfrage nach diesen Aktien zumindest vorübergehend deutlich sinken, sofern dieser Effekt nicht schon eingepreist ist.

Was bedeutet ein denkbares Delisting für uns? Viele dieser an den US-Börsen geführten Unternehmen verfügen mittlerweile über ein Zweitlisting in Hongkong. Auf diesen Börsenplatz haben wir als westlicher Investor guten Zugriff. Allerdings bieten viele Depotbanken bzw. Broker diesen Börsenplatz nicht an. Hier droht China-Anlegern aus Europa also zumindest ein lästiger Wechsel des Brokers. Unklar ist derzeit noch, wie sich ein denkbares US-Delisting auf die Notiz dieser Aktien an deutschen Handelsplätzen auswirken wird. Denkbar ist, dass die Deutsche Börse und auch diverse Börsenmakler dem US-Vorbild folgen werden und die China-Aktien ebenfalls vom Handel ausschließen werden.

Mein Rat: Wenn Sie regelmäßig chinesische Wachstumsaktien handeln, sollten Sie sicherheitshalber über einen brauchbaren Orderzugang zur Börse Hongkong verfügen. Alles andere ist nicht professionell.    

Alibaba steht drauf, ist aber nicht wirklich drin

Eine böse Frage: Was kaufen Sie denn da so, wenn Sie sich in Frankfurt oder Hongkong einige Stücke der Alibaba-Aktie oder des Alibaba-Aktienzertifikates (ADR oder ADS) besorgen? Sie gehen sicherlich davon aus, dass Sie hier einen Anteil an dem operativ tätigen Unternehmen der Alibaba mit Sitz in Hangzhou erwerben. So wie wenn Sie eine Aktie von Daimler, Wienerberger oder Swatch Group kaufen. Sie irren.

Tatsächlich erwerben Sie in diesem Fall eine Aktie einer sog. Variable Interest Entity (VIE). Deutsche Juristen übersetzen diese Wendung ungefähr mit Zweckgesellschaft. Ich als Praktiker übersetze VIE eher mit Briefkastenfirma. Wie funktioniert so eine Zweckgesellschaft oder Briefkastenfirma?

Diese VIEs sind operativ nicht tätig, sondern enthalten nichts anderes als ein Recht auf den Ertrag bzw. die Dividende des Echt-Unternehmens. Hier besteht also ein Vertrag zwischen dem Echt-Unternehmen und der Briefkastenfirma. Was soll diese Konstruktion? Grundsätzlich ist es westlichen Investoren nicht gestattet, Anteile oder Aktien an chinesischen Wachstums-Unternehmen zu erwerben. Also haben findige chinesische Juristen diese VIE-Konstruktionen ersonnen, um die Bestimmungen des chinesischen Börsenrechts auszuhebeln. Diese Briefkastenfirmen sind oftmals auf den Kaimaninseln (Cayman Islands) oder den Bermudas angesiedelt. Folglich tragen Aktien wie Alibaba (KYG017191142) oder Baidu in der ISIN-Nummer das Länderkürzel KY für Kaimaninseln und eben nicht CN für China.

Sie fragen sich nun, wo liegt die praktische Relevanz für mich? Dann bin ich eben nur mittelbar an den starken Gewinnen der Alibaba beteiligt. Das dachte 2011 der US-Investor Altaba (vormals Yahoo!) auch. Die Amerikaner hielten damals nämlich einen nicht-börsennotierten Anteil der Alibaba in Höhe von 43 %. Dabei war man auch der Meinung, dass die als VIE konstruierte Beteiligung auch den eingangs angesprochenen Zahlungsdienstleister Ant Financial umfasst.

Schließlich löste die Alibaba-Unternehmensführung die heute milliardenschwere Tochter Ant Financial aus dem Gesamtkonzern heraus. Angeblich soll den Analysten der Altaba dieser Vorgang wochenlang nicht aufgefallen sein. Entschädigt wurde der US-Investor bzw. sein Rechtsnachfolger bis zum heutigen Tag nicht. Der Gang vor ein ordentliches Gericht in China stand und steht dem Investor nicht offen, schließlich war der Erwerb der Beteiligung an Alibaba nach chinesischem Gesetz nie zulässig.

Haben wir jetzt Angst vor China-Aktien?

Dieser doppelte regulatorische Würgegriff aus Peking und Washington hat den Notierungen dieser Aktien naturgemäß nicht gutgetan. So hat der maßgebliche Index Hang Seng Tech (Börse Hongkong) seit Anfang März crashartig rund 40 % seines ursprünglichen Niveaus verloren. Dieser Index umfasst aktuell 30 wichtige chinesische Wachstumsaktien wie etwa Baidu, Alibaba, BYD oder Meituan. Der Vergleich mit dem NASDAQ 100 verdeutlicht die Dimension. US-Wachstumsaktien machten nämlich im gleichen Zeitraum rund 20 % Kursgewinn.  

Im Rahmen dieser Korrektur wird nun auch die rechtliche Konstruktion dieser China-Aktien zumindest in Profikreisen wieder heiß diskutiert. Im Grundsatz sind die Variable Interest Entities ein alter Hut. Damit leben wir als China-Investor schon seit bald 20 Jahren und haben bis auf wenige Ausnahmen wie Altaba immer unseren Schnitt gemacht. Und wenn doch nicht, lag es nicht an den VIE-Konstruktionen.

Gleichwohl hat sich zuletzt in China auch gerade vor den zunehmenden Spannungen zwischen Peking und Washington eine schwierige Gemengelage gebildet. Keine Frage, Chinas Aktienmarkt ist gegenwärtig ein Minenfeld. Ich bilde mir allerdings ein, dass ich ungefähr weiß, wo die Minen liegen. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe keine Angst vor China-Aktien und voraussichtlich werden wir im September eine erste Position aufbauen. Denn gegenwärtig sind Unternehmen wie Alibaba, Tencent oder Baidu historisch günstig bewertet. Amazon etwa ist aktuell mehr als dreimal höher bewertet als Alibaba, obwohl man das identische Geschäftsmodell verfolgt. Dabei ist Alibaba gemessen an der Ertragskraft noch mal eine ganze Klasse stärker als die US-Amerikaner. Hier sehe ich für uns ganz überdurchschnittliches Renditepotenzial. Das werden wir – immer mit der gebotenen Umsicht – demnächst heben.   

Tech-Markt in der Korrektur