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19. Oktober 2021

Diverse Knappheiten gefährden den Aktienmarkt

In den vergangenen Tagen zeigten die Aktienmärkte nahezu rund um den Globus erfreuliche Erholungstendenzen. Der DAX rückte auf Wochensicht über 2 % vor, während US-Wachstumsaktien gemessen am NASDAQ 100 sogar über 4 % zulegten. Die Verluste der leichten Herbstkorrektur sind damit wieder ungefähr ausgeglichen worden. Was war der Erfolgsfaktor?

Wir sind ziemlich gut in die Berichtsaison gestartet. Zunächst legten diverse US-Banken starke Zahlen aus dem abgelaufenen Quartal vor. In Europa fiel unterdessen das Zahlenwerk des Software-Unternehmens SAP besser aus als zuvor erwartet. Bislang haben also zumindest einmal klassische Dienstleister ungeachtet des schwierigen Marktumfeldes überzeugt. Das hat dem Aktienmarkt geholfen.

Ich erwarte allerdings weniger starkes Zahlenwerk aus dem produzierenden Gewerbe. Einen ersten Vorgeschmack lieferte dort gestern der niederländische Mischkonzern Philips. Zwar verbesserte man den operativen Gewinn, der Umsatz hingegen schrumpfte zum Vorjahr um über 7 %. Hier nähern wir uns allmählich dem Problem: Die Auftragsbücher der Niederländer sind zwar prall gefüllt. Aufgrund des anhaltenden Chipmangels kann man allerdings nicht so, wie man will, und muss folglich auf Umsatz und damit letztlich auch Gewinn verzichten.

Nur Internet, aber kein Eisenerz mehr

Derzeit erzählt man uns an vielen Orten – z.B. bei der EZB oder in diversen Wirtschaftsinstituten –, dass die gegenwärtige Unterversorgung des Marktes mit Vorprodukten und Rohstoffen vorübergehender Natur sei. Folglich wird auch die zuletzt angeheizte Inflation nicht von Dauer sein, so der Tenor.

Teilweise stimme ich diesem Befund zu. Beispiel Hotellerie und Gastronomie: Irgendwann werden wir alle unseren Pandemie-bedingt ausgefallenen Urlaub nachgeholt haben. In absehbarer Zeit haben wir uns auch in der Gastronomie wieder satt gegessen, sodass die derzeitige Übernachfrage zurückgehen wird. Damit werden sich auch die Preise in diesem Gewerbe wieder auf niedrigerem Niveau einpendeln.

Ein anderes Bild sehe ich freilich in den Roh- und Grundstoff-Branchen. Hier herrscht ein offensichtliches Unterangebot, etwa bei Öl, Gas, Lithium, Kupfer, Silizium und vielen anderen Rohstoffen. Platt gesprochen: Alles ist knapp außer Gold und Silber. Und bemühen Sie hier bitte nicht die Pandemie zur Erklärung!

Tatsächlich hat sich dieses Unterangebot in den vergangenen rund 10 Jahren allmählich aufgebaut. Die Pandemie war am Ende nur noch der letzte Tropfen, der nun den Mangel offensichtlich macht. Vereinfacht gesprochen haben wir in den letzten Jahren vorwiegend in Internet, Software, Künstliche Intelligenz und andere Trendthemen investiert. Gleichzeitig wurden die Unternehmen der Rohstoffproduktion quasi ausgehungert und von Investitionen abgeschnitten. Kurzum: Die Investoren wollten digitale Geschäftsmodelle, aber kein Öl, Gas oder Eisenerz mehr. Das waren Produkte des 19. Jahrhunderts, die eine Internet-Gesellschaft nicht mehr braucht, so das etwas unvollständige Urteil des Marktes.

US-Ölproduktion bleibt historisch niedrig ­– EU verliert 5 Millionen Tonnen Stahl

Schauen wir uns einige Grundstoff-Märkte im Detail an. In den USA wurde im vergangenen Juli aus 483 Bohrlöchern Öl oder Gas gepumpt. Das ist lächerlich. Nur in den Jahren 2020 und 2016 zählte die US-Energiebehörde EIA noch weniger Bohrlöcher in den USA.

Zwar haben die Förderer die Kapazitäten in den vergangenen 12 Monaten ungefähr verdoppelt. Der abgebildete Chart zeigt allerdings, das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, der den Preisauftrieb der Energierohstoffe bestenfalls leicht verlangsamt hat.

Zur Erinnerung: Nach dem ersten Pandemieschock (März 2020) sackte der Preis für US-Öl tageweise unter null. Wenn Sie damals am Knotenpunkt Cushing (Oklahoma) eine Pumpstation mit einem Tankwagen angesteuert hätten, hätte man Ihnen dort Geld für die Abnahme des Rohstoffs bezahlt. In der Folge meldeten vor allem mittelständische Fracking-Unternehmen reihenweise Konkurs an. Erst wenn deren Produktionskapazitäten wiederhergestellt worden sind, findet der Ölmarkt zurück ins Gleichgewicht. Ich sehe in dieser Hinsicht allerdings nur moderate Aktivitäten im US-Markt.

Abschließend werfen wir einen Blick in den Stahlmarkt der EU. Die EU-Länder haben vor der Finanzkrise 2008/9 pro Monat in der Spitze rund 19 Millionen Tonnen Stahl pro Monat gekocht. Im laufenden Jahr haben die Unternehmen in der Spitze 13,6 Millionen Tonnen produziert. Glaubt man Berichten aus der Branche, sind diese 13,6 Millionen das absolute Maximum. Zu Deutsch: Wir haben seit 2007 in der EU gemessen an den Produktionskapazitäten fast 6 Millionen Tonnen verloren.

Was war eigentlich damals der Plan? Europa wollte sich den Stahl zu Billigpreisen aus China holen. Leider hat man die Rechnung ohne den Exporteur gemacht, denn China exportiert keinen Stahl mehr, zumindest nicht zu brauchbaren Preisen.

Der Mangel und die Inflation werden bleiben

Es bedarf keiner besonderen Erklärung, dass Sie neue Stahlwerke nicht in ein oder zwei Quartalen hochziehen. Hier gilt eine Faustformel: Die Roh- und Grundstoffmärkte sind wenig flexibel. Tritt hier einmal eine Unterversorgung ein, dauert es teils Jahre, bis das Angebot angepasst werden kann.

Daraus folgt logisch, dass die Inflation in den kommenden Monaten erst einmal bleiben wird. Dies wiederum beschert uns eine anhaltende Zinsdiskussion. Die Inflation ist jetzt schon höher und hartnäckiger als zu Jahresbeginn von den Notenbanken prognostiziert. Sprich, unsere Währungshüter stehen unter Druck, die Zügel der Geldpolitik zu straffen. Diese Kombination aus Inflation und steigenden Zinsen ist kein Kursturbo für den Aktienmarkt.

Strategie: Was machen wir?

Hier werden wir kaufen: Bislang profitieren wir von der Rohstoff-Hausse durch die Depotpositionen Albemarle und Livent, die beide zuletzt frische Rekordstände markiert haben. Nächstens werden wir diese Positionen ergänzen. In meinem Analysetopf befinden sich derzeit die Aktien von Unternehmen wie Cameco (Uran), Rio Tinto (Eisenerz, Aluminium) oder auch SMT Scharf (Minenausstattung). Möglicherweise holen wir uns auch einen Ölfelddienstleister ins Depot. Deren Aktien hinken ungeachtet des aufstrebenden Ölpreises noch stark hinterher. Das ist nicht ganz erklärlich und kann unsere Chance sein.

Ansonsten werden wir uns wie bisher eher an der Seitenlinie aufhalten und zudem die Cashquoten in unseren Depots eher hochhalten. Erst wenn die Inflationsdynamik spürbar abnimmt, sehe ich wieder größeres Potenzial für den Aktienmarkt.

Sehe ich Crash-Gefahr? Stand heute nein! Ich habe schon die begründete Hoffnung, dass die bevorstehenden Quartalsberichte der Unternehmen ungefähr positiv ausfallen werden und den Markt im Hintergrund zunächst stützen werden. Viele Profi-Investoren haben – ähnlich wie wir – bereits vorgebaut und die Aktienquoten reduziert. Diese Vorsicht oder dieser relative Pessimismus ist für den Aktienmarkt immer günstig. Sollte der Aktienmarkt tatsächlich einmal prozentual zweistellig zurückkommen, werden die tiefen Taschen sicherlich mit ihren freien Mitteln den Markt ziemlich schnell wieder auffangen.

Anzahl aktiver Bohrlöcher in den USA